Die Banalität des Beamtentums – über die Razzia in der Anarchistischen Bibliothek Kalabalik und die Repressionswelle in Berlin

Am frühen Morgen des 24. März 2026 war es mal wieder soweit. Bei 17 Objekten in Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Kyritz knallten die Türen und ein Trupp Vermummter stürzte sich auf die Schlafenden oder – wie in unserem Fall – über Bücherregale und Zeitungsarchive. Anlass für das rabiate Weckkommando des Berliner LKA war diesmal ein Brandanschlag im vergangenen September auf die Stromversorgung des Technologieparks Adlershof, der einen weitreichenden Blackout zur Folge hatte. Die Cops suchen nach Beweisen, welche die Gehirnakrobatik der Ermittlungsgruppe Spannung endlich würdigen und ihre herbei halluzinierten Konstrukte untermauern sollen. Zumindest lässt sich nichts Anderes aus dem vorgelegten Durchsuchungsbeschluss ableiten, der von dem richterlichen Vollstrecker Jacob abgesegnet wurde. Unter den betroffenen Objekten befand sich neben dem Infoladen Scherer8, dem L5 Späti und mehreren Privatwohnungen, wie schon mehrmals in der Vergangenheit, die Anarchistische Bibliothek Kalabalik in Kreuzberg.

Alle guten Dinge sind drei?

Wir erinnern uns: 2018 waren die staatlichen Spürnasen schon einmal einem ganz großen Ding auf der Spur. Reggaemützen tragende Personen sollen Plakate mit einem Fahndungsaufruf geklebt haben, auf dem die verantwortlichen Politiker des G20 Gipfels 2017 in Hamburg und einige besonders eifrige Exemplare ihrer Schlägerbande abgebildet waren. Außerdem waren sie auf der Suche nach Plakaten mit Fotos von Zivibullen. Einzelnen Ausführungen davon konnten sie bei der Razzia zwar habhaft werden (schließlich hing eines in unserem Türfenster), zum Aufspüren der mysteriösen Plakatierer:innen und ihren Reggaemützen hat es, obwohl in dieser bedeutungsvollen Sache keine Mühe gescheut wurde, jedoch nicht gereicht. So endete dieses Verfahren dann auch bald mit einem Freispruch und Mensch munkelt, ob das plötzlich auftretende Reggae-Fever beim LKA, nicht etwa ein Resultat von exzessivem Bubatzkonsum aus der Asservatenkammer war. Wie dem auch sei, dorthin wurden dann auch die entwendeten Gegenstände wie PCs, Plakate etc. entführt, wo sie ausgewertet und dann ordnungsgemäß verwahrt wurden, bis sie zwei Jahre später ihren Weg zurück ins Kalabalik fanden. Das Glück sollte aber nur von kurzer Dauer sein. Denn der nächste Akt in diesem dramatischen Stück ließ nicht lange auf sich warten.

Im September 2020 standen die schwerbewaffneten Schergen erneut mit Rammbock auf der Matte oder – genauer gesagt – in der Bibliothek. Diesmal im Auftrag der Bundesanwaltschaft und ausgestattet mit dem Vorwurf, dass mehrere Personen, von denen manche sich manchmal dort aufhalten würden, 2016 eine kriminelle Vereinigung gegründet haben sollen. Von den Durchsuchungen erhoffte sich die Ordnungsmacht das Auffinden entsprechender Beweise. Neben dem Kalabalik waren 5 Wohnungen in Berlin und 2 weitere in Athen betroffen. Diesmal kam also das BKA zum Zuge und neben den neu angeschafften elektronischen Geräten, waren sie sich nicht zu blöde, die noch vom LKA verpackten Asservate der letzten Razzia gleich wieder mitzunehmen. Wir haben sie bis heute nicht wieder gesehen – geschenkt. Dieses Verfahren sollte in der Folge jedoch weit größere Kreise ziehen und die Betroffenen viele Jahre lang beschäftigen. Und trotzdem, nach umfangreichen Überwachungsmaßnahmen, abgehörten Telefonen, verwanzten Fahrzeugen, einem äußerst schwatzhaften Vergewaltiger- und Verräterschwein und tausenden Seiten Akten – nichts als heiße Luft. Auch wenn die Bemühungen der umtriebigen Ermittler:innen diesem Drama eine Wendung zu verpassen deutlich zu erkennen sind, wird auch diesmal, zumindest das Hirngespinst einer kriminellen Vereinigung, im Herbst 2025 ohne Anklage und Gerichtsverhandlung ad acta gelegt.

Im Wandel der Zeit

Obwohl nur wenige Jahre dazwischenliegen ist die Welt seit den letzten Durchsuchungen 2020 eine gänzlich andere geworden. Die Zeit des Covid-Ausnahmezustands haben der sozialen Kontrolle und der Digitalisierung massiv Vorschub geleistet und der darauf folgende Ukraine-Krieg hat selbst aus den letzten liberalen Pazifist:innen begeisterte Befürworter:innen von Aufrüstung und der Bundeswehr gemacht. Begriffe wie “Zeitenwende” und “Kriegstüchtigkeit” bestimmen den öffentlichen Diskurs und normalisieren Krieg als würden wir hierbei über einen Kindergeburtstag sprechen. Sondervermögen, Kriegswirtschaft und Wehrpflicht sind die logische Konsequenz daraus. Gleichzeitig spielt sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit der andauernde Genozid in Gaza ab und Israel macht sich nicht einmal mehr die Mühe, ihren Vernichtungswillen gegenüber dem palästinensischem Volk zu verschleiern. Trumps USA steht dem in nichts nach und spielt mit seinem imperialistischen Gebaren wieder Weltpolizei à la 20. Jahrhundert und macht dabei keinen Hehl daraus, dass es ihnen eigentlich um Bodenschätze und Machtansprüche geht. Künstliche Intelligenz entscheidet über Leben und Tod, von den Schlachtfeldern der globalen Kriege bis auf die Straßen von Minneapolis und die Tech-Mogule von Tesla, Microsoft, Amazon, Google und Palantir sind allesamt mit von der Partie. Dass der (Ex-)ICE-Boss Bovino dabei in SS-Aufmachung posiert, ist dann höchstens noch eine Randnotiz wert. Im Schatten von Kulturkampf und anderen Nebenschauplätze formiert sich der moderne Tech-Faschismus in der gesamten westlichen Hemisphäre und die AFD verzeichnet bundesweit Wahlergebnisse von über 30%. Ungeachtet all dessen schreiten die ökologischen Katastrophen unaufhörlich voran und das System, welches diese verursacht, weiß keine bessere Antwort als dieselbe Scheiße in Grün.

All diese Entwicklungen sind derart eng getaktet und umfangreich, dass kaum Zeit zum Reagieren bleibt. Feuerwehrpolitik und Schadensbegrenzung allein sind keine angemessene Antwort darauf und wirken angesichts des alltäglichen Grauens wie ein zahnloser Tiger. Was es braucht, ist eine Umwälzung aller Verhältnisse. Viele stellen sich daher die Frage, wie unsere Kämpfe für Freiheit in dieser immer brutaler werdenden Welt aussehen können. Verschiedene Initiativen versuchen diesen Herausforderungen auf unterschiedlicher Art gerecht zu werden: manche erkennen die Notwendigkeit, sich zusammen zu organisieren und gemeinsam widerstandsfähig zu werden, um sich somit auf den drohenden ökologischen und gesellschaftlichen Kollaps vorzubereiten. Andere erkunden mögliche Antworten darin, das Funktionieren des Herrschaftsapparats zu unterbrechen und die Arbeit der Mächtigen nachhaltig zu stören und zu sabotieren. Wir sehen keinen Widerspruch in diesen und etlichen anderen Ansätzen und gehen davon aus, dass auch kommende Revolten noch eine Vielzahl an kreativen Antworten und uns unbekannte Vorstöße hervorbringen werden. Anzuerkennen, dass es innerhalb des Kapitalismus und dem staatlichen politischen System keine Lösungen für die Probleme und Krisen unserer Zeit gibt, macht uns aber noch lange nicht zu Primitivist:innen, wie das die Presse stets verlautbaren lässt. Dafür braucht mensch nicht einmal Anarchist:in zu sein. Das einzige was es braucht, sind offene Augen und ein offenes Herz. Dass dies bei den Sherlock Holmes im Staatsdienst nicht vorhanden ist, verwundert jedoch wenig.

Wir haben uns nie hinter unseren Ansichten versteckt und werden das auch angesichts der neusten Einschüchterungsversuche durch die Sicherheitsbehörden nicht tun. Auch lassen wir es uns nicht nehmen, die vorgeworfene Tat in ihrem gesellschaftlichen und sozialen Kontext zu sehen und über diese entgegen den Kategorien der bürgerlichen Justiz zu urteilen. Gemäß unseren eigenen Überzeugungen und Prinzipien, die sich am Wohlergehen aller Lebewesen orientieren und nicht an dem Gesetzbuch der Herrschenden. Und soviel steht fest: kein Mitleid für die Rüstungsfirmen und Technologiekonzerne dieser Welt, keine Träne für ihre Produktionsausfälle.

Der braune Sumpf

Sie mögen uns kriminell nennen, weil wir nicht nach ihren Spielregeln tanzen. Weil wir niemals akzeptieren werden, dass die einen das Recht haben über das Leben anderer zu entscheiden und weil wir es nicht verurteilen wenn Menschen das tun, was sie für nötig halten, um diesen Ungerechtigkeiten ein Ende zu setzen. In ihren Augen macht uns das verdächtig. Genauso wie es uns verdächtig macht, wenn wir Broschüren und Zeitungen verbreiten in denen die Verantwortlichen für Krieg und Umweltzerstörung benannt werden oder Bücher verleihen, die von Freiheit und Anarchie sprechen und herzergreifende Geschichten von Solidarität und Widerstand erzählen. Es macht uns verdächtig, wenn wir uns an die Seite der Unterdrückten und Gefangenen stellen, wenn wir von einer Welt ohne Staaten, Grenzen und Knäste träumen und wenn wir alles daran setzen diese Träume wahr werden zu lassen.

In all dem sehen wir die Gründe, weshalb uns die Cops in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen die Tür einrennen und ihre zwei- und vierbeinigen Geschöpfe (die einen weniger freiwillig als die andern) sich berufen fühlen in unseren Leben rum zu schnüffeln. Dass was uns und den vielen anderen Betroffenen am 24. März widerfahren ist, verstehen wir als Ausdruck eines immer autoritärer werdenden Staates, der zunehmend auf politischen Druck (von rechts außen) entscheidet und dementsprechend seine Gesetzgebung interpretiert. Nicht dass wir jemals in diesen Staat vertraut hätten, aber manches unterscheidet sich in Qualität und Quantität doch deutlich davon, was wir bisher kannten. Uns sind in der jüngeren Vergangenheit z.B. keine Verfahren bekannt, wo Wohnräume von Eltern gleich mit durchsucht und auch ihnen alle elektronischen Geräte abgenommen wurden. Auch ist es für den Berliner Kontext neu, dass in fast allen Fällen Handys, Laptops etc. nicht nur von den Beschuldigten, sondern auch von allen Mitbewohner:innen, unabhängig davon in welchem Verhältnis diese zu den Beschuldigten stehen, mitgenommen werden. Darüber hinaus gab es mehrere Durchsuchungsbeschlüsse gegen Drittbetroffene, die nicht als Verdächtige in dem Verfahren geführt werden, sondern in einem engen Kennverhältnis zu den Beschuldigten stehen sollen.

Es scheint als wären in dieser von langer Hand geplanten Operation, Medien, Politik und Bullen exakt aufeinander abgestimmt worden. Es wurde dafür gesorgt, dass die Pressekonferenzen eines wegen seines Verhaltens beim Januar-Blackout um Entschuldigung bettelnden Bürgermeisters, die Präsentation von Schadenssummen zum September-Blackout, die legale Einschränkung vom Presseinformationsfreiheitsgesetz (zum Schutz von kritischer Infrastruktur) und diese Welle an Hausdurchsuchungen gegen die angeblichen Saboteur:innen auf die selben drei Tage fallen – samt Live-Berichterstattung. Im Eifer des Gefechts haben jedoch so manche Schreiberlinge den Überblick verloren und Fakten über Verfahren als auch Personen wurden vertauscht, vermischt und falsch wiedergegeben. Auch ist offensichtlich, dass die Medien und die Politik bemüht sind, den Angriff auf den Technologiepark Adlershof mit den Sabotagen von Vulkangruppen in Verbindung zu bringen, um das Ganze aufzublasen und ein Bild zu vermitteln, dass sie diesem Phantom, dem sie seit 15 Jahre erfolglos hinterherjagen, auf der Fährte wären. In den Durchsuchungsbeschlüssen ist davon jedoch keine Rede und sowohl beim Kalabalik als auch dem Infoladen Scherer8 werden die Razzien lediglich damit begründet, dass Verdächtige an diesen Orten antimilitaristische Propaganda gedruckt oder verbreitet haben sollen. Spätestens hieran zeigt sich, dass es den Bullen schlicht darum geht anarchistische Projekte anzugreifen und zu durchleuchten.

Hinzu kommen einige Dinge welche sich im Zuge der Durchsuchungen ereignet haben, die wir ebenfalls für erwähnenswert halten. So waren im Falle des Kalabaliks, direkt zu Beginn der Razzia, noch während die Türen aufgeflext wurden und bevor die Fahrzeuge der Cops einen schwer zu durchblickenden Sichtschutz bildeten, Julian Reichelts lobotomisierte Hobby-Reichspropagandisten von NIUS anwesend. Die guten Kontakte anderer Schmierblätter zum Staatsschutz sind zwar weitläufig bekannt, diese waren zu Beginn der Ereignisse aber allesamt noch abwesend. Dass die Faschos in Uniform nun also bevorzugt den Faschos in Propagandafunktion, welche seit Monaten in Anti-Antifa-Manier Leuten auflauern, sie öffentlich diffamieren und an ihrem Wohnort belästigen, Informationen durchstechen, ist somit offiziell. In Anbetracht der Wortwahl des Bullengewerkschaftlers Benjamin Jendros, der seit Jahren von der gesamten Stadtpresse hofiert wird und in Goebbels-Sprech vom „Krebsgeschwür“ der Demokratie schwadroniert, verwundert das aber auch gar nicht so sehr. Um die Tatsache ergänzt, dass von den hunderten Büchern, die ihnen in der Bibliothek zur Auswahl standen, ausgerechnet Hanna Arendts Bericht über den Prozess gegen SS-Obersturmbannführer Eichmann und die Banalität des Bösen beschlagnahmt wurde, ergibt sich ein höchst fragwürdiges Bild. Was den Staatsschutz zu einer solchen Auswahl veranlasst hat, werden wir wahrscheinlich nie erfahren. Vielleicht ist die Antwort aber so einfach wie banal – sie haben nur ihre Pflicht getan und die Befehle von Oben ausgeführt – ein Schelm wer böses dabei denkt.

Darüber hinaus wurden dutzende Broschüren, meistens mit Inhalten über Repression, Flucht und Militanz sowie einzelne Ausgaben des Autonomen Blättchens und eine ziemlich zufällig wirkende Auswahl an Büchern mitgenommen, wie z.B. die Biografie von Assata Shakur, Detlef Hartmanns Kritik an Negri, Gabriel Kuhn über indigenen Widerstand in Sápmi, das Manifest der Freiheit und des Friedens und verschiedene Bücher mit dem vielsagenden Vermerk „Buch auf Griechisch“ (sic!). Warum sie auch noch in den Heizkeller des Hauses eingebrochen sind und auf dem Weg dorthin die Ramme und nicht einfach den aufgefundenen Schlüsselbund benutzt haben, ist wohl ebenfalls ein Geheimnis, das nur das beschränkte Hirn eines:einer Beamt:in verstehen kann.

Wir lassen uns nicht entmutigen

Alles in allem sind wir wohl auf und das hinterlassene Chaos ist weitestgehend beseitigt. Wir sind gerührt von der großen Solidarität und Unterstützung, die wir seit der Razzia erfahren haben, sowohl aus der Nachbarschaft als auch von den vielen helfenden Händen beim Aufräumen. Dies gibt uns Kraft und Mut weiter zu machen. Mit etwas Distanz wirkt die ganze Nummer der EG Spannung ohnehin wie blinder Aktionismus und ein schlechter Versuch Leute einzuschüchtern, Milieus zu isolieren und Anhand von Aktionsformen, die teils kontrovers diskutiert werden, zu spalten. All das scheint ihnen nicht gelungen zu sein, im Gegenteil, die meisten schenken der billigen Propaganda der Cops und ihren Hetzblättern kaum Bedeutung, sondern verlassen sich auf ihr eigenes Urteilsvermögen. Und nicht zuletzt wissen die Leute eben auch, dass nicht wir diejenigen sind, die Technologien entwickeln um Dissident:innen auszuspionieren, Waffen in Kriegsgebiete schicken, Geflüchtete im Mittelmeer ertrinken lassen oder Chemiefabriken bauen die den Planeten vergiften.

Liebe und Kraft gehen raus an:

alle anderen von den Razzien betroffenen Projekte und Menschen

Unsere Freund:innen und Gefährt:innen vom Ampelokipi Case, denen seit letzter Woche in Athen der Prozess gemacht wird!

Nanuk und alle anderen Antifas, die derzeit in Dresden und Düsseldorf vor Gericht stehen oder in Beugehaft sitzen!

Daniela, der nun eine weitere Anklage wegen Mitgliedschaft in der RAF droht!

Die ULM5, die eine Waffenfabrik von Elbit zerstört haben und in U-Haft auf ihren Prozess warten!

… und alle anderen Gefangenen, Verfolgten und Gefährt:innen auf der Flucht.

Mut und Glück!

Kalabalik

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